„Über allem steht das Thema Lernen“ – Interview mit Coach Markus Hänsel

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Unser Kooperationspartner Markus Hänsel ist Trainer des Moduls „Systemtheorie für Agile Coaches“ in unserer Agile Coach Ausbildung. Seit 2002 arbeitet Markus als systemischer Coach für die berufliche und persönliche Entwicklung, löst Konflikte und begleitet die Veränderungsprozesse von Teams und Organisationen. Uns hat er erzählt, wie er aktuell Unternehmen, Teams und Teammitglieder*innen dabei hilft, sich mit den neuen Rahmenbedingungen in Zeiten von Corona zu arrangieren und was jede*r einzelne aus der Situation lernen sollte

Annika Stawicki:

Viele Teams arbeiten seit ein paar Wochen gezwungenermaßen verteilt zusammen und kämpfen nun mit den unterschiedlichsten Problemen und dem ungewissen Blick in die Zukunft. Was für Themen begegnen Dir gerade in Deiner Arbeit als Coach?

Markus Hänsel:

Aktuell stehen viele Teams und Teammitglieder*innen vor diversen neuen Rahmenbedingungen und Herausforderungen. Da sind die technischen Herausforderungen noch am schnellsten gelöst. Schwieriger sind die Probleme, die im Privaten entstehen und sich auf das Team und das Unternehmen auswirken, sowie die neuen Probleme in der Zusammenarbeit.

Besserer Teamarbeit durch sinnvolle Rituale

Annika Stawicki:

Informationen schnell zu teilen und auf einem aktuellen Stand zu halten, zum Beispiel?

Markus Hänsel:

Ja genau. Weil ich kein Board habe, wo ich alles hinhänge und ich nur einmal schnell daran vorbeigehen muss. Sich zu synchronisieren ist aufwändiger. Ich kenne Teams, die den ganzen Tag Slack nebenher laufen haben. Das kann jedoch keiner permanent verfolgen, weil dann wäre man ja nur damit beschäftigt, auf Slack zu starren und nicht mehr damit, die eigentliche Arbeit zu machen. Daher helfe ich den Teams dabei, klare Rahmenbedingungen und Rituale zu finden. Da helfen einfache Modelle, wie das sogenannte RACI-Modell. Mit dem RACI-Modell kann beschrieben werden, welche Rollen für welche Aktivitäten verantwortlich sind. Also: Wer ist verantwortlich? Wer muss Antwort auf eine Frage geben? Wer ist rechenschaftspflichtig? Also wer muss nach außen auch den Kopf hinhalten? Wer ist für was beratend tätig? Es kann ja sein, dass jemand im Team auch so etwas wie eine Rolle zum Beispiel für technischen Support haben kann, weil er*sie einfach dort der*die Fitteste ist. Und wer ist zumindest zu informieren?

Annika Stawicki:

Und abseits von dem Problem der synchronen Informationsstände?

Markus Hänsel:

Das eine ist die Frage: Wie stellen wir gute Kooperationen im Team her? Und das bedeutet: Umgang mit den technischen Medien. Wann gehen wir gemeinsam in einen Call? Wo reicht die schriftliche Kommunikation? Wo haben wir eine gemeinsame Ablage? Wo ist es gut, Verantwortungslevel zu klären? Das andere ist schlicht und einfach: Wie organisiere ich jetzt einen Workshop, wenn ich nicht einfach zum*zur Kolleg*in gehen kann, um etwas zu besprechen? Was tun wir jetzt, da das Daily anders abläuft als gewohnt? Wie definieren wir die Besprechungen neu? Und so weiter. Und ich glaube über all diesem steht das Thema Lernen.

Ich merke einen riesigen Unterschied zwischen Teams, die schon im Vorfeld gut gepflegte Rituale hatten und denen, bei denen das nicht der Fall ist. Bei den Teams muss man komplett von vorne anfangen.

Annika Stawicki:

Wer schon im Vorfeld gut im Lernen war, ist jetzt besser aufgestellt?

Markus Hänsel:

Alle Rituale, die man aus agilem Arbeiten kennt, helfen in der Regel enorm. Ich merke einen riesigen Unterschied zwischen Teams, die schon im Vorfeld gut gepflegte Rituale hatten und denen, bei denen das nicht der Fall ist. Bei den Teams muss man komplett von vorne anfangen. Bei den anderen ist jetzt die Herausforderung, die vorhandenen Rituale nochmal neu zu besprechen, zu definieren, anzupassen. Weil an vielen Stellen verschiebt es sich jetzt, welche Rituale wie und wann hilfreich sind. Und eins zu eins an einem Modus festzuhalten, hilft nicht. Aber Rituale einfach über Bord zu werfen hilft natürlich auch nicht. Also müssen alle Sachen neu überprüft werden. Ich habe neulich mit einem Team alle Rituale mal auf ein Board gebracht und dann haben wir gemeinsam geschaut: Welches können wir eins zu eins übernehmen? Welches muss vielleicht irgendwie adaptiert werden?

Persönliche Probleme wirken sich auf die Teamarbeit aus

Annika Stawicki:

Jetzt kommen wir zu den Problemen, die die Teams gemeinsam haben, auch die privaten Probleme der Teammitglieder*innen. Wie unterstützt Du auf der persönlichen Seite?

Markus Hänsel:

Am wichtigsten ist die Selbstorganisation. Da gehe ich dann mit einzelnen die Fragen durch: Wie organisiere ich mich? Wie spreche ich jetzt mit meiner Familie ab, wer wie wann wo arbeitet? Ich glaube auch, dass viele merken, dass eine Aufmerksamkeitsspanne remote anders ist als eine physische. Wir können nicht acht Stunden vor dem Rechner sitzen und Online-Konferenzen führen. Und dort unterstütze ich. Das heißt im Wesentlichen: Coaching heißt Hilfe zur Selbsthilfe. Das kann man nicht vorgeben. Ich unterstütze Menschen dabei, das selbst herauszufinden. Eine Möglichkeit ist es, ein kleines Protokoll zu erstellen, mit dem man sich selbst aufzeigt: Wie habe ich denn meinen Tag strukturiert? Oder wie wollte ich ihn strukturieren und wie war er dann tatsächlich? So kann die Person am Ende schauen, was war tatsächlich hilfreich? Wo habe ich mich überfordert? Und wie kann ich das anders machen? Da ist es wichtig, das als Team zu berücksichtigen. Der andere Teil vom Coaching ist der Umgang mit emotionalen Themen wie beispielsweise Ängsten, bei denen Menschen erst einmal Hemmungen haben, das Team damit zu behelligen. Wir haben eine nicht alltägliche Situation. Ich glaube da hilft die Konzentration auf die Arbeit. Da helfen die Rituale. Da hilft auch das Miteinander.

Annika Stawicki:

Wie kann man denn dafür sorgen, dass jede*r auch mit seinen*ihren individuellen Problemen und Hindernissen im Team gesehen wird?

Markus Hänsel:

Es müssen alle verstehen, dass nur, weil etwas für mich kein Problem darstellt, es für andere nicht automatisch auch so ist. Für manche ist beispielsweise die Auseinandersetzung mit der Technik kein Problem und für manche ist sie ein großes. Manche kommen mit der Umstellung aufs Homeoffice gut klar, andere nicht. Weil sich das Arbeitszimmer plötzlich am Esstisch zwischen den Kindern befindet und man nicht einfach ungestört arbeiten kann. Nicht jede*r hat die gewohnten Voraussetzungen vom Büro auch zuhause. Und so weiter. Alleine so etwas zu thematisieren und thematisieren zu dürfen, finde ich wichtig.

Spannungen im Team lösen

Annika Stawicki:

Und was, wenn im Team Spannungen entstehen?

Markus Hänsel:

Spannungen sind natürlich große Herausforderungen. Wenn etwas im Team eh schon schwierig war, dann wird das in der Regel durch die Arbeit remote erst einmal ein bisschen runtergedrückt. Allerdings ist es dadurch nicht einfach weg. Das bedeutet, das Problem in der Zusammenarbeit mit den Kolleg*innen, über die ich mich bisher geärgert habe, bleibt natürlich. Da muss ich sagen, da habe ich auch noch kein Patentrezept. Für ein Team habe ich jetzt gerade sogenannte „Clear the Air Meetings“ eingeführt. Da ist die Idee: Wenn viele Menschen im Raum arbeiten, ist die Luft halt immer mal wieder schlecht, da muss man mal das Fenster aufmachen und so ist es halt in der Zusammenarbeit auch. Dann veranstalten wir ein verabredetes Gespräch, welches – und das ist wichtig – klar moderiert wird. Und dann haben alle die Möglichkeit, Spannungen, die eben miteinander entstehen, zu adressieren, transparent zu machen und zu schauen, was für Bedürfnisse dahinter stehen. Meistens ist es ja so: Mir ist etwas wichtig, was ich auf der anderen Seite nicht so berücksichtigt sehe. Da ist es wichtig, das zu adressieren und dann lösungsorientiert damit umzugehen. Und ich denke, alle wissen, dass beispielsweise ein zynischer Kommentar im virtuellen Raum viel schneller dazu führen kann, dass die Situation eskaliert als wenn ich das schnell am Mittagstisch aus der Welt schaffen kann.

Lasst uns uns gerade jetzt unterstützen und zusammenhalten. Gerade da, wo etwas nicht so gut klappt. Und lasst uns gemeinsam möglichst schnell in einen Lernmodus gehen.

Annika Stawicki:

Was sollten wir denn Deiner Meinung nach aus der jetzigen Situation für die Zukunft mitnehmen?

Markus Hänsel:

Im Grunde geht es um die Fähigkeit, Krisen bewältigen und als Anlass zur Entwicklung nutzen zu können. Das nennt man Resilienz. Wir können – was auch immer die Widrigkeiten sind – lernen, mit ihnen umzugehen. Mit Herausforderungen, Störungen und Widrigkeiten jeglicher Art gut umgehen zu können, ist die Voraussetzung dafür effizient, effektiv und wertschöpfend für die Kund*innen zu sein. Und da kann sich jede*r fragen: Wie entwickel ich gute Möglichkeiten, emotionale Situationen für mich durchzustehen? Und wem da Achtsamkeit hilft, sehr gut. Wem gute Gespräche helfen, sehr gut. Wem Netflix hilft, auch gut. Und im Miteinander sollte man sich fragen: Wie verwandeln wir eine Störung der Abläufe in eine Lernherausforderung? Kooperation ist für mich dabei die stärkste Ressource. Und da geht es um Solidarität. Also lasst uns uns gerade jetzt unterstützen und zusammenhalten. Gerade da, wo etwas nicht so gut klappt. Und lasst uns gemeinsam möglichst schnell in einen Lernmodus gehen. Das sind für mich die stärksten Ressourcen auf Teamebene und wahrscheinlich auch übertragen auf Unternehmensebene.